Im Juli 2026 hat ABB drei Akquisitionen abgeschlossen bzw. angekündigt, darunter die grösste Übernahme der Firmengeschichte. Alle drei Transaktionen zahlen auf dieselbe Ausrichtung ein: Elektrifizierung und Automation.
Ausgangslage
- Rotork: Übernahme des britischen Stellantriebs- und Flow-Control-Anbieters für ca. USD 5,5 Milliarden (503 Pence je Aktie in bar). Rotork soll als eigene Division innerhalb des Automation-Bereichs geführt werden. ABB plant keine wesentlichen Änderungen am UK-Standortnetz. Rotork erzielte 2025 Umsatzerlöse von ca. USD 1 Milliarden bei 24,6% bereinigter operativer Marge. Der Abschluss ist im ersten Halbjahr 2027 geplant.
- Advantics: Der französische Spezialist für Siliziumkarbid-basierte Leistungswandlung aus Saint-Genis-Pouilly erreicht mit seinen Konvertermodulen bis zu 99% Wirkungsgrad. Der Kaufpreis wurde nicht veröffentlicht. Der Abschluss wird bis Ende des Geschäftsjahres 2026 erwartet.
- Specialtrasfo: Der italienische Hersteller von Spezial-Mittelspannungstransformatoren (Konverter- und Gleichrichtertransformatoren) bringt drei Produktionsstandorte und über 130 Mitarbeitende ein. Der Umsatz in 2025 belief sich auf ca. EUR 80 Millionen, davon etwa die Hälfte bereits mit ABB. Der Kaufpreis wurde nicht veröffentlicht.
Strategische Gründe und Auswirkungen
Für ABB: Kapital aus dem Robotics-Verkauf wird umgeschichtet
Die Transaktionen folgen unterschiedlichen Mustern:
- Rotork ist ein Positionskauf: ABB erwirbt Marktanteil und eine installierte Basis an der Feldgeräte-Ebene.
- Advantics ist eine Technologieoption: Team mit Siliziumkarbid-Kompetenz, dessen Wert sich erst zeigt, wenn Gleichstromarchitekturen zum Standard werden.
- Specialtrasfo ist Vertikalisierung: ABB bezog rund die Hälfte der Produktion bereits selbst und sichert sich nun eine Engpasskomponente samt Fertigungskapazität.
Der Kauf von Rotork wird aus Barmitteln von USD 5,8 Milliarden und zugesagten Bankfazilitäten finanziert. Der Robotics-Verkauf an SoftBank soll rund USD 4,8 Milliarden netto beisteuern. Rotork erhöht den Konzernumsatz von ABB um ca. 3%, den der Divison Automation um rund 12% und wirkt auch sofort margenstärkend. Laut CEO Morten Wierod gibt es einen Spielraum für weitere M&As in Höhe von USD 14 Milliarden.
Für das Portfolio: die Feldebene wird geschlossen
Rotork stärkt ABB dort, wo bisher eine Lücke bestand: bei intelligenten Feldgeräten. Damit schliesst sich die »sense-control-act«-Schleife vom Sensor über die Steuerung bis zum Aktor.
Advantics liefert die Bausteine für Gleichstromarchitekturen, die verlustreiche AC/DC-Wandlungen vermeiden.
Specialtrasfo vervollständigt den integrierten Antriebsstrang und ermöglicht ABB das Angebot von Transformator, Umrichter, Motor, Schaltanlage aus einer Hand.
Zukauf plus Eigenbau
Die Akquisitionen sind nur eine Hälfte der Medaille. Bereits im Mai 2026 kündigte ABB an, über drei Jahre rund USD 200 Millionen in die europäische Mittelspannungsfertigung zu investieren: USD 100 Millionen in ein neues Werk in Dalmine (Italien) für luftisolierte und SF6-freie Schaltanlagen und weitere USD 100 Millionen in den Ländern Bulgarien, Finnland, Deutschland, Norwegen und Polen.
Das bedeutet, dass zugekaufte Technologie auf ausgebaute eigene Kapazität trifft.
Risiken und Perspektiven
Die Bewertung von Rotork mit 19,5x EBITDA ist ambitioniert und rechnet sich nur, wenn Synergien und Vertriebsreichweite greifen. Ein Teil der Nachfrage speist sich aus Rechenzentren; kühlt sich dieser Investitionszyklus jedoch ab, kann das hohe Investment ziemlich schnell teuer werden. Bis zum Closing im ersten Halbjahr 2027 braucht Rotork die Zustimmung seiner Aktionäre und die kartellrechtlichen Freigaben. Hinzu kommt das Integrationsrisiko: ABB führt Rotork als eigene Division: das sichert Kundennähe, begrenzt aber die Synergiehebel.
Bei Advantics ist es die Technologiewette, weil Siliziumkarbid aus der Kleinserie in die Skalierung expandieren muss.
Bei Specialtrasfo sind es die Drittkunden, denn ca. die Hälfte des Umsatzes stammt von Abnehmern, die künftig bei einem Wettbewerber bestellen werden.
Fazit
ABB kombiniert teure, aber margenstarke Zukäufe gezielt entlang der eigenen Wertschöpfungskette mit organischem Kapazitätsausbau und finanziert beides aus dem Robotics-Erlös. Für Wettbewerber steigt der Druck auf mehreren Ebenen, insbesondere auf der Feldgeräte-Ebene.